Cost Advantages

 

Wie der Name bereits vermuten lässt handelt es sich hierbei um den Kostenvorteil, der durch unterschiedliche Möglichkeiten der billigeren Produktion entsteht. Es dreht sich dabei um Unternehmen, die aufgrund eines gewissen Vorteils zu kontinuierlich niedrigeren Kosten produzieren können als die Konkurrenz. Dieser Kostenvorteil hat immer einen Grund und kann aus ganz unterschiedlichen Ursachen herrühren:

  1. Vorteilhafte Lage
  2. Besitz eines einmaligen Vermögensgegenstands
  3. Billiger Produktionsprozess
  4. Verteilungs- oder Distributionsnetz

In den nächsten Abschnitten werden wir auf diese vier Ursachen billiger Produktionskosten genauer eingehen und diese Vorteile einerseits analysieren und andererseits durch Beispiele illustrieren.

 

(1) Vorteilhafte Lage

Der Kostenvorteil gegenüber der Konkurrenz kann einmal aus der vorteilhaften Lage eines Unternehmens herrühren. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn ein Unternehmen in unmittelbarer Nähe zu den Kunden angesiedelt ist und sich somit – im Vergleich zur Konkurrenz – die Notwendigkeit der Verschiffung von Produkten um die ganze Welt ersparen kann. Es können aber auch die Wege zwischen den einzelnen Produktionsstandorten des Unternehmens ausgesprochen gering oder die Wege zwischen Fördergebieten und Weiterverarbeitungsanlagen ausgesprochen kurz sein, was den Bau von Pipelines oder den Einsatz von Güterzügen oder Transport-Lastwagen erspart.

Besonders markant tritt dieser Vorteil bei Unternehmen auf, welche Produkte herstellen und vertreiben, bei denen der Transport besonders kostenintensiv ist – Schwermetallindustrie, Maschinenbau, Rohstoffförderunternehmen oder auch die Automobil- und Flugzeugindustrie. Weniger relevant ist dieser Aspekt beispielsweise bei Software-Unternehmen oder Unternehmen, welche ausschließlich digitale Produkte anbieten, bei welchen für den Transport sehr geringe Kosten anfallen. Es macht preislich doch einen Unterschied, ob ein Auto für den deutschen Markt auch in Deutschland produziert wird oder möglicherweise erst aus den USA mit Zügen und Schiffen nach Europa transportiert werden muss.

 

(2) Einmaliger Vermögensgegenstand

Ist ein Unternehmen im Besitz eines Wertgegenstandes, der auf gewisse Weise einmalig ist, so verschafft diese Einmaligkeit dem Unternehmen oft einen deutlichen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz. Am häufigsten ist dieser Vorteil im Rohstoff- und Agrarbereich zu finden: leicht erschließbare Ölfelder, reichhaltige Gold- und Silberminen oder billiges Ackerland mit nährstoffhaltigem Boden und richtigen Temperaturverhältnissen – all dies sind Beispiele für einen einmaligen Vermögensgegenstand. Bei diesem Burggraben handelt es sich um einen sehr stabilen, da es für Konkurrenten zumeist unmöglich ist diesen Vorteil zu kopieren oder nachzuahmen – entweder ein Unternehmen ist im Besitz eines solchen „einmaligen Vermögensgegenstand“ oder eben nicht. Was nur einmalig existiert, kann nicht kopiert oder nachgeahmt werden.

Saudi-Arabien kann ein Barrel Öl für circa 20$ fördern, während in Ländern wie Mexiko, Venezuela oder in den USA (bei der Schieferöl-Förderung) teilweise 60-70$ an Kosten anfallen. Es versteht sich von alleine, dass Saudi-Arabien aufgrund dieser Möglichkeit der ausgesprochen preisgünstigen Förderung einen Wettbewerbsvorteil hat, den andere Länder in absehbarer Zeit nicht ausgleichen können. Ein Land wie Norwegen wird aufgrund der Temperaturverhältnisse kaum mit Wein in Verbindung gebracht – kann dagegen aber auf einen sehr großen Rohölvorrat zurückgreifen.

 

(3) Billiger Produktionsprozess

Auch dieser Burggraben erklärt sich im Prinzip von selbst: ein Unternehmen kann im Vergleich zur Konkurrenz die Kosten im Produktionsprozess deutlich senken. Dies erfolgt beispielsweise durch den Einsatz von moderneren und besseren Maschinen oder durch ein neues Produktionsverfahren, welches ebenfalls dazu befähigt billiger zu produzieren. Bei diesem ökonomischen „Burggraben“ handelt es sich streng genommen um keinen richtigen Burggraben. Wir haben im Einführungsartikel bereits darüber gesprochen, dass ein neues Produkt alleine keinen Burggraben darstellt, da Produkte leicht kopiert werden können. Dieses Problem taucht auch beim Produktionsprozess auf: Vorteile wie moderne Maschinen oder verbesserte Produktionsverfahren sind Vorteile bzw. Vorsprünge vor der Konkurrenz, welche relativ leicht übernommen werden können. Möglicherweise dauert es einige Jahre, aber früher oder später werden auch andere Unternehmen diesen Vorteil kopieren. Allerdings sei an dieser Stelle auch noch erwähnt, dass es sich nicht bei jedem Burggraben notwendigerweise um einen sehr breiten und sehr tiefen Burggraben handeln muss. Für einen mittelfristigen Investor ist es bereits ausreichend, wenn ein Unternehmen einen deutlichen Vorsprung für einige wenige Jahre halten kann.

Die Fließbandfertigung als revolutionärer und neuer Fertigungsablauf wird oft als Erfindung mit Henry Ford und dem gleichnamigen Automobilhersteller in Verbindung gebracht. Nun ist Ford aber keinesfalls der Erfinder dieser Produktionstechnik – die Fließbandproduktion existierte auch vorher bereits. Ford verfeinerte das Prinzip nur, so dass die Produktivität auf das Achtfache gesteigert werden konnte. Es dauerte aber nur wenige Jahre bis viele andere Unternehmen diese Produktionsmethode ebenfalls übernahmen und der Wettbewerbsvorteil auf diese Weise wieder nahezu egalisiert war.

 

Ausnahme: Billiger Produktionsprozess aufgrund Größe

Eine große Ausnahme stellt der Burggraben dar, bei dem die billigeren Produktionskosten durch die sehr große Menge produzierter Güter zustande kommen. Während Vorteile wie bessere Produktionsmethoden oder neuere Maschinen leicht kopiert werden können, ist dieser Vorteil gegenüber Angriffen sehr gut geschützt. Es ist für Konkurrenten nicht so ohne weiteres möglich plötzlich selbst der größte Produzent oder Anbieter bestimmter Produkte zu werden. Ohne entsprechende Nachfrage nach einem bestimmten Produkt besteht keine Notwendigkeit in großen Mengen zu produzieren oder einzukaufen – und solange können Unternehmen auch nicht von den billigeren Produktionskosten oder Einkaufspreisen profitieren, die mit großen Mengen einhergehen.

In den USA wäre Wal-Mart das passende Beispiel, während in Deutschland vermutlich Aldi als Musterbeispiel zu nennen ist – beide Unternehmen verkaufen viele Produkte in sehr großen Mengen und können diese deswegen billiger anbieten als die Konkurrenz und somit auch den Preis bestimmen. Durch die große Menge an verkauften Eiern, Milch oder Fleisch können die Kosten des einzelnen Produkts auf ein Niveau abgesenkt werden, bei dem die Konkurrenz oft nicht mehr mithalten kann.

 

(4) Distributions- und Verteilungsnetz

Dieser Burggraben entsteht dann, wenn erst ein möglichst großes Distributionsnetz erforderlich ist, um einen bestimmten Service anbieten zu können. Ist dieses Distributionsnetz einmal vorhanden – ganz gleich ob es sich dabei um ein Auslieferungsnetz von Logistikdienstleister, um ein Schienen- oder Straßennetz oder um digitale Infrastruktur handelt – ist es nahezu unerheblich ob die Auslastung beispielsweise bei 80% oder bei 85% liegt, da die „Betriebskosten“ nahezu identisch sind. Die größten Summen sind für den Aufbau des Netzwerkes erforderlich, für die Benutzung fallen dagegen vergleichsweise geringe Kosten an. Vielmehr ist es eher so, dass der Transport einzelner Artikel zunehmend billiger wird, je mehr Artikel transportiert werden und desto größer ist der Gewinn pro Artikel.

Ein prominentes und naheliegendes Beispiel sind die Logistikdienstleister wie UPS in den USA oder die Deutsche Post bzw. DHL in Deutschland. In den jeweiligen Ländern haben diese Unternehmen ein Distributionsnetz aufgebaut, welches von außen nur sehr schwer attackiert werden kann. So war selbst DHL nicht in der Lage den amerikanischen Platzhirschen UPS gefährlich zu werden – die angestrebte Expansion in die USA stellte sich als große Fehlinvestition heraus. DHL musste Milliarden in den Aufbau des Distributionsnetzwerkes investieren, während es für UPS beim bestehenden Netzwerk kostentechnisch kaum einen Unterschied macht, ob durch einen Zustellwagen anstatt 100 dann 110 Pakete ausgeliefert werden. Ein zweites Beispiel ist die Deutsche Bahn mit dem Tochterunternehmen DB Netze, welchem die Schienen-Infrastruktur gehört. Konkurrenten sind immer gezwungen die vorhandene Infrastruktur der Bahn zu nutzen und dafür entsprechende Trassenentgelte zu bezahlen, denn der Aufbau eines parallelen Schienen-Infrastrukturnetzes ist selbst für ein milliardenschweres Unternehmen nahezu unmöglich – sowohl aufgrund der Kosten als auch aufgrund der notwendigen Zeit für den Bau. Und auch für die Bahn macht es keinen großen Unterschied, ob auf den bestehenden Schienen pro Tag 220 oder 230 Züge rollen (selbstverständlich ist irgendwann die Auslastungsgrenze erreicht, aber bis zu diesem Punkt fallen kaum zusätzliche Kosten an).

 

Kurzer Exkurs zur Netzwerktheorie

 

Dichtes Netzwerk mit Kanten von gleicher Wichtigkeit
Beispiel 1: Dichtes Netzwerk mit Kanten von gleicher Wichtigkeit

Genauso wie beim Netzwerk-Effekt ist es auch beim Distributionsnetzwerk erforderlich, dass es sich einerseits um ein Netzwerk mit einerseits möglichst vielen und andererseits gleichwertigen Kanten handelt, denn erst dann kommt der unschlagbare Vorteil, der den Burggraben erzeugt, vollständig zum Tragen. Wäre das Netzwerk stattdessen um einige wenige Kanten von übergeordneter Wichtigkeit aufgebaut wäre es für neue Konkurrenten möglicherweise erst einmal ausreichend nur diese wenigen, wichtigen Kanten zureproduzieren bzw. zu kopieren und der Aufbau eines großen Distributionsnetzwerkes wäre für den Anfang nicht erforderlich. Der Burggraben-Effekt entsteht aber erst dann, wenn der zeitaufwendige und kapitalintensive Aufbau eines dichten Netzwerkes erforderlich ist.

In Netzwerken werden Knoten durch Kanten verbunden und die Kanten verbinden die Knoten des Netzwerks. Bei den beiden Beispielen stellen die schwarzen Sechsecke jeweils die Knoten des Netzwerks dar, welche durch die roten Linien (=Kanten) verbunden werden. Die Stärke der roten Linie zeigt dabei die Wichtigkeit der Kanten.

Dichtes Netzwerk mit einzelnen Kanten von übergeordneter Bedeutung
Beispiel 2: Dichtes Netzwerk mit einzelnen Kanten von übergeordneter Bedeutung

Im ersten Beispiel sind alle Kanten (also Verbindungen) von nahezu gleicher Bedeutung, während im zweiten Beispiel einige Kanten vorhanden sind, welche hinsichtlich der Wichtigkeit den meisten anderen Verbindungen deutlich überlegen sind. Hier würde es ggf. für einen Konkurrenten ausreichen, sich vorerst auf die vier wichtigsten Verbindungen (A-B, B-C, D-E und F-G) zu konzentrieren und versuchen diese einzelnen Verbindungen zu reproduzieren. Das bedeutet, dass nicht das vollständige Netzwerk von insgesamt 30 Kanten reproduziert werden muss, sondern es für einen potenziellen Konkurrenten ausreichend wäre sich nur auf 1/7 des Netzwerkes zu konzentrieren, um bereits die wichtigsten Kanten und somit einen entscheidenden Anteil des Netzwerks abzudecken. Im Beispiel 1 dagegen deckt man mit 1/7 der Kanten dann auch tatsächlich nur einen Bruchteil des Netzwerks ab.

Angenommen es handelt sich bei dem Beispiel um das Streckennetz einer Eisenbahn-Gesellschaft und die schwarzen Sechsecke sind Städte und die roten Linien sind die Bahnverbindungen. Wenn im zweiten Beispiel die vier Hauptverbindungen (A-B, B-C, D-E und F-G) möglicherweise aufgrund der Wichtigkeit 50% des gesamten Verkehrs ausmachen, so kann mit der Reproduktion von nur 4 Verbindungen die Hälfte des gesamten Verkehrs abgedeckt werden. In Beispiel 1 müsste dagegen tatsächlich jede zweite Strecke nachgebaut werden, um auch die Hälfte des Verkehrs abzudecken.

 

Kurz zusammengefasst

Bei den meisten Arten der Kostenvorteile handelt es sich um einen sehr starken Burggraben – die einzigen Ausnahme ist der billigere Produktionsprozess aufgrund modernerer Technik oder verbessertem Produktionsprozess, da dieser leicht durch Konkurrenten kopiert werden kann. Bei den anderen Burggräben handelt es sich um sehr breite und gute Burggräben. Besonders der Kostenvorteil aufgrund der großen Anzahl produzierter Güter ist einer der mächtigsten Burggräben überhaupt. Insgesamt ist der Burggraben auf Augenhöhe mit dem Netzwerk-Effekt und den Switching Costs und ein definitiv stärkerer Burggraben als die immateriellen Vermögensgegenstände.