Moat

 

Wenn man sich die Frage stellt, was ein Burggraben ist, findet man auf Wikipedia eine relativ einfache Antwort:

Der Burggraben ist ein Annäherungshindernis im unmittelbaren Vorfeld einer mittelalterlichen Burg. Der künstlich angelegte Graben kann das Burgareal vollständig umschließen oder an besonders gefährlichen Stellen von der Umgebung abriegeln. Durch den Graben wurden Angreifer daran gehindert, unmittelbar an das Tor oder an die Mauer zu  gelangen. Insbesondere der Einsatz von schwerem Belagerungsgerät, wie Wandelturm oder Rammbock, konnte dadurch effektiv behindert werden.

burg-vischering-62875_1280Das Bild veranschaulicht sehr schön inwiefern ein Burggraben – vor allem wenn dieser mit Wasser gefüllt war – die Burganlage geschützt hat.

Unser Fokus hat sich aber nicht plötzlich auf mittelalterliche Geschichte verschoben. Es geht hier also nicht um diejenigen Burggraben, welche vor langer Zeit reale Burgen geschützt haben, sondern das Konzept des Burggrabens ist hier natürlich in einem ökonomischen Sinne und als Metapher zu verstehen. In dem folgenden Artikel wollen wir eine erste Einführung in das Konzept des Burggrabens vornehmen, bevor in weiteren Artikel zusätzliche Aspekte dieses Konzepts beleuchtet werden.

 

Konkurrenz in der Wirtschaft

Genauso wie es im Mittelalter häufig vorkam, dass Angreifer versuchten die gegnerische Burg einzunehmen und die Bewohner der Burg versuchten, sich gegen die Angreifer zu verteidigen, so ist es auch im Hinblick auf Unternehmen ganz normal, dass Konkurrenten versuchen andere Unternehmen zu „attackieren“ – man versucht Produkte, Produktionsweisen oder andere Innovationen zu kopieren oder den anderen Unternehmen Marktanteile abzunehmen. Der Kapitalismus ist dadurch gekennzeichnet, dass es sich um einen Konkurrenzmarkt handelt – dies bedeutet, wenn ein Unternehmen einen Vorteil „gefunden“ hat oder einen Weg, wie man der Konkurrenz einen Schritt voraus sein kann, dann dauert es gewöhnlich nicht lange bis ein weiteres Unternehmen diesen Vorteil kopiert (oder zumindest versucht diesen zu kopieren). Über die Zeit hinweg gleichen sich die meisten Vorteile an bzw. nutzen sich ab, da diese von der Konkurrenz übernommen werden und auf diese Weise der Vorsprung schmilzt oder ganz verschwindet. Es gibt aber auch Unternehmen, die ihren Vorsprung versuchen zu verteidigen und sich vor dem Prozess des Kopierens schützen wollen.

Es war wieder einmal Warren Buffett, der erkannt hatte, dass es bestimmten Unternehmen gelingt, sich effektiv gegen Konkurrenten zu schützen und die eigene Marktposition über Jahrzehnte erfolgreich gegen Konkurrenten zu verteidigen. Diese Unternehmen sind auch in der Lage die Investoren mit überdurchschnittlichen Renditen zu belohnen

The key to investing is not assessing how much an industry is going to affect society, or how much it will grow, but rather determining the competivie advantage of any given company and, above all, the durability oft hat advantage. The products and services, that have a wide, sustainable moat around them are the ones, that deliver rewards to investors. (Warren Buffett)

Genauso wie sich eine Burg durch einen tiefen, mit Wasser gefüllten Graben vor Angreifern schützen konnte, so können sich auch Unternehmen durch verschiedene Wege und Mittel vor Konkurrenten schützen. Da ist es auch naheliegend in diesem Zusammenhang ebenfalls von einem (ökonomischen) Burggraben zu sprechen. Bei ökonomischen Burggräben handelt es sich deswegen auch um einen strukturellen Wettbewerbsvorteil, der sich nicht „abnutzen“ kann und auch von der Konkurrenz nicht übernommen werden kann.

 

Was ist kein Burggraben?

Bevor wir uns genauer mit der Frage beschäftigen, wann es sich um einen Burggraben handelt und detaillierter auf die Spezifikationen eingehen, wollen wir uns von der negativen Seite annähern und einige Fälle und Beispiele behandeln, die alleine für sich genommen keinen Burggraben darstellen:

  • Größe und dominante Marktposition: Allein die Größe oder die dominante Marktposition eines Unternehmens stellt noch keinen Burggraben dar. Auch wenn ein einzelnes Unternehmen einen bestimmten Markt dominiert bedeutet dies nicht, dass nicht ein Konkurrent Marktanteile hinzugewinnen kann und dieses Unternehmen irgendwann einmal aus der dominanten Position verdrängt (Google war nicht immer die Nummer 1 der Suchmaschinen, Apple war nicht immer der größte Hersteller von Mobiltelefonen). Selbstverständlich ist es nie von Nachteil, wenn ein bestimmter Markt dominiert wird und oft sind die Burggraben-Firmen auch die dominanten Akteure – die Größe oder Dominanz alleine ist aber kein Burggraben.
  • Technologien und technologischen Neuerungen: Ganz gleich wie gut Ingenieure eines Unternehmens sind, und welche innovativen Produkte entwickelt werden – keiner gibt einem die Garantie, dass ein anderes Unternehmen diese Produkte nicht verbessern kann oder plötzlich selbst eine bessere Innovation auf den Markt bringt. Eine neue Technologie alleine ist also ebenfalls kein Burggraben. AUSNAHME: Wenn ein neues Produkt eingeführt wird, welches einen (weltweit) akzeptierten Standard nach sich zieht (z.B. USB oder Microsoft Windows), dann stellt diese technologische Neuerung einen Burggraben dar.
  • Hot Products und Hypes: Sowohl angesagte Produkte als auch aktuelle Hypes stellen keinen Burggraben dar, denn in beiden Fällen haben diese Produkte schneller einen Platz in den Geschichtsbüchern gefunden, als einem lieb ist.

Vermutlich gibt es kein Produkt, welches ausschließlich durch ein einziges Unternehmen produziert werden kann. Deswegen kann ein Burggraben auch niemals alleine aufgrund eines besonderen Produkts begründet werden (zumindest kein breiter Burggraben). Da ein Produkt immer kopiert werden kann, ist es auch nicht das Produkt an sich, welches den Burggraben darstellt, sondern die zusätzlichen strukturellen Umstände, welche dazu führen, dass ein Produkt durch andere Unternehmen nicht kopiert werden kann. Wenn ein Burggraben aufgrund der strukturellen Umstände vorliegt, dann ist es tatsächlich möglich, dass sich die Herstellung eines Produkts nur auf ein Unternehmen beschränkt.

 

Warum Burggräben wichtig sind

Die Frage, warum ein ökonomischer Burggraben für ein Unternehmen von so besonderer Wichtigkeit ist, kann sehr leicht beantwortet werden. Der Burggraben gewährt zusätzliche Sicherheit für Unternehmen und auch den Investor und zwar auf dreierlei Art:

  • Der Burggraben ist die einzige Möglichkeit eines effektiven Schutz vor Konkurrenz und er verhindert die oben beschriebene Übernahme von Wettbewerbsvorteile durch andere Unternehmen. Erst der Burggraben ermöglicht es, dass ein Vorsprung auch gehalten werden kann und nicht durch andere Unternehmen egalisiert wird.
  • Zusätzlich stellt der Burggraben einen zusätzlich besonderen Schutz vor Schwierigkeiten dar. Sollte das Unternehmen einmal in leichte Schieflage geraten, kann sich ein Unternehmen „hinter den Burggraben zurückziehen“ bis die Schwierigkeiten wieder überwunden sind.  Dies bedeutet vielleicht, dass die Gewinne in diesem Zeitraum nicht ganz so üppig ausfallen wie gewohnt – der Burggraben wird aber verhindern, dass die Gewinne vollständig einbrechen und das Unternehmen möglicherweise sogar Verluste macht und dadurch in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten gerät. Der Burggraben garantiert dem Unternehmen in gewisse Weise einen festen Sockel an Umsatz und Gewinn, der auch in turbulenten Zeiten mit hoher Wahrscheinlichkeit sichergestellt ist.
  • Darüber hinaus stellt der Burggraben auch noch einen psychologischen Schutz für den Investor dar. Auch der Investor kann sich hinter den Burggraben als eine Art psychologische Basis zurückziehen, wenn alle anderen Marktteilnehmer in Panik geraten und die Aktie verkaufen.

Der Burggraben ist für ein Unternehmen von besonderer Wichtigkeit, da dieser für das Unternehmen den intrinsischen Wert zusätzlich erhöht. Der Burggraben sorgt in gewisser Weise dafür, dass ein gewisser Geldfluss und Einnahmen stetig vorhanden ist und auf diese Weise wird der Wert des Unternehmens erhöht gegenüber anderen Unternehmen, bei denen dies nicht der Fall ist.

 

Burggraben und Management

Ein großartiger Manager zeichnet sich dadurch aus, dass er konstant versucht, den Burggraben eines Unternehmens auszuweiten. Dabei zeichnet sich gutes Management zusätzlich dadurch aus, dass Geld und Ressourcen innerhalb des Burggrabens investiert werden und auf diese Weise versucht wird, den Burggraben zu erweitern, während schlechte Manager oft außerhalb des Burggrabens investieren. Mit Blick auf das Management sollte man sich also folgende Frage stellen: Was macht das Management, damit ein Burggraben erschaffen wird oder ein bereits bestehender Burggraben konsequent erweitert wird? Die Antwort auf diese Frage sagt viel über das Management aus – das Fehlen einer Antwort auf diese Frage spricht Bände. Manager können also einen Burggraben erschaffen, einen bereits vorhandenen Burggaben ausweiten oder im schlimmsten Fall einen vorhandenen Burggraben sogar zerstören.

Manager sind zwar wichtig im Hinblick auf den ökonomischen Burggraben – ein großartiges Management alleine stellt aber noch keinen Burggraben dar. Alleine deswegen, weil Manager ersetzt werden können oder möglicherweise kündigen, kann es sich dabei um keinen Burggraben handeln – ein Burggraben soll ein langfristiger struktureller Vorteil sein. Umgekehrt kann ein sehr robuster Burggraben auch durch katastrophales Management nicht zerstört werden. Ein Unternehmen mit einem sehr breitem Burggraben überlebt auch einen sehr schlechten Manager mit überdurchschnittlichen Renditen: Microsoft verdiente trotz Steve Ballmer Geld, Coca-Cola hat die Umstellung der Rezeptur (Stichwort: New Coke) überlebt. Es gibt aber einige Manager, welche die Ausnahme zu dieser Regel darstellen – ein sehr naheliegendes Beispiel ist der Mann, auf den das Konzept des Burggrabens zurückgeht: Warren Buffett. Berkshire Hathaway war sicherlich kein Unternehmen mit glänzender Zukunft und was Buffett aus diesem Textilunternehmen gemacht hat, ist sicherlich einzigartig. Und ob es Apple ohne Steve Jobs zum zwischenzeitlich wertvollsten Unternehmen der Welt gebracht hätte, ist mehr als fraglich. Eine gute Empfehlung ist deswegen ein Zitat, das auf Peter Lynch zurückgeht:

Go for a business that any idiot can run – because sooner or later, any idiot is probably going to run it.

 

Vier unterschiedliche Typen von Burggräben

Das Analystenteam von Morningstar (und wohl ganz besonders Pat Dorsay) haben insgesamt vier verschiedene „Typen“ oder „Kategorien“ von Burggräben ermittelt, die jeweils in einem eigenen Artikel ausführlich behandelt werden:

 

Schmaler und breiter Burggraben

Genauso wie beim tatsächlichen Burggraben ist auch bei seinem ökonomischen Gegenstück die Breite des Burggrabens von enormer Wichtigkeit. Während beim mittelalterlichen Burggraben mit Breite tatsächlich die Entfernung von einem Ufer zum anderen gemeint ist, muss der Begriff „Breite“ bei Unternehmen selbstverständlich als Metapher gesehen werden.

Die Breite des ökonomischen Burggaben beschreibt einfach nur die Dauer, wie lange ein Vorteil gegenüber der Konkurrenz bestehen kann. Der breiteste Burggraben ist somit derjenigen, der dem Unternehmen auf Ewig einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz verschafft. Neben dem Idealfall des Burggraben der Jahrzehnte oder Jahrhundert bestand hat und der so in der Realität vermutlich nicht vorkommt, gibt es auch noch schmalere Burggräben, die einem Unternehmen auch einen deutlichen Vorsprung verschaffen. Dieser Vorsprung ist aber nur auf einen kurzen Zeitraum beschränkt, z.B. auf einige wenige Jahre. Es handelt sich dabei um einen Vorteil, der in den nächsten Jahren höchstwahrscheinlich nicht kopiert werden kann, aber nicht für immer Bestand haben wird.

 

Burggräben erkennen

Nachdem nun theoretisch einige Aspekte zum Burggraben beschrieben wurden, bleibt vor allem die Frage offen, wie leicht erkannt werden kann, ob ein Burggraben vorliegt und worin der Burggraben jeweils genau besteht. Da dieses Thema in einem kurzen Abschnitt nicht ausreichend behandelt werden kann, gehen wir im nächsten Artikel ausführlicher darauf ein.

 

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