Langfristige Stabilität

 

stones-825374_1920Im Value Investing wird gewöhnlich eher für einen langen Zeitraum investiert – im besten Falle für die Ewigkeit. Dementsprechend ist auch langfristige Stabilität von besonderer Wichtigkeit, denn man möchte eine gewisse Sicherheit, dass dieses Unternehmen auch über einen langen Zeitraum eine sinnvolle Investition bleibt. Diese langfristige Stabilität soll natürlich für die Zukunft bestimmt werden und nicht für die Vergangenheit. Da selbstverständlich keine sicheren Aussagen alleine über die Zukunft getroffen werden können, muss auch in diesem Fall – genauso wie bei langfristigen Zukunftsaussichten – ein Blick in die Vergangenheit geworfen werden. Aus den Daten der Vergangenheit versuchen wir dann mit möglichst hoher Wahrscheinlichkeit abzuleiten, was die Zukunft bringen wird.

Im Artikel zu den langfristigen Zukunftsaussichten eines Unternehmens und dessen Produkten sowie bei der Bestimmung eines möglichen Burggrabens (Verlinkung) werden vor allem qualitative Aspekte behandelt, welche sich nur schwer in Zahlen messen lassen. Bei der langfristigen Stabilität eines Unternehmens handelt es sich somit um das quantitative Gegenstück zu den langfristigen Zukunftsaussichten. Genauso wie bei der Verschuldung (Verlinkung) oder der Effizienz und Profitabilität (Verlinkung), die hier ebenfalls eine Rolle spielen, handelt es sich um eine Fragestellung, welche vor allem mit Zahlen und entsprechenden Analysen beantwortet werden kann.

 

Langfristige Sicht anstatt punktuelle Momentaufnahme

Der Schwerpunkt in diesem Abschnitt liegt ganz klar darauf einen langfristigen Blickwinkel einzunehmen und sich von der aktuellen Momentaufnahme zu lösen. Wir werden dabei auf viele Aspekte eingehen, die auch bereits an anderer Stelle und in anderen Artikel thematisiert wurden. Das Besondere hierbei ist, dass wir uns nicht nur einzelne statische Werte (also Momentaufnahmen) anschauen, sondern eine zeitliche Entwicklung betrachten und beurteilen möchten. Viel zu oft wird der Fehler begangen, dass nur ein Blick auf die letzten Quartalszahlen oder den aktuellen Börsenkurs, die aktuelle Dividendenrendite oder das KGV auf Basis aktueller Daten geworfen wird und dabei völlig in den Hintergrund gerät, dass es sich dabei nur um eine Momentaufnahme handelt.

Auf diese Weise soll verhindert werden, dass in ein Unternehmen investiert wird, welches möglicherweise nur aktuell gute Zahlen aufweist, aber in der Vergangenheit entweder durchgehend schlechte Werte vorgelegt hat oder immer starken Schwankungen unterworfen ist und somit nicht die nötige Konstanz aufweist, damit sich eine Investition rechtfertigen lässt.

 

Muster und Regelmäßigkeiten

Interpretieren wir Daten aus der Vergangenheit suchen wir immer nach Mustern und Regelmäßigkeiten. Dabei wollen wir mit einem Negativbeispiel beginnen – den Lottozahlen. Bei dem Versuch die Lottozahlen für den nächsten Samstag aus den Daten der Vergangenheit abzuleiten ist es völlig unerheblich wie groß die Menge an vorhandenen Daten ist. Sofern keine Manipulation vorliegt entscheidet lediglich der Zufall über die Lottozahlen und somit ist auch eine Vorhersage ausgeschlossen. Das Konzept des Zufalls beinhaltet auch, dass jede erkennbare Regelmäßigkeit ausgeschlossen ist und keine kausale Erklärung für die Abfolge der einzelnen Zahlen vorliegt. Auch bei Unternehmenszahlen gibt es Beispiele, die durchaus so wirken, als würde lediglich der Zufall über diese Zahlen entscheiden – dies wären dann auch die Unternehmen von denen man als Investor wohl besser die Finger lässt.

Bei Investieren suchen wir aber gerade nach Unternehmen bei welchen nicht nur der Zufall über die Zukunft entscheidet, sondern eine Regelmäßigkeit, ein kausaler Zusammenhang oder ein Trend bei den Zahlen erkennbar ist. Bevor wir uns mit den Kennzahlen der Unternehmen beschäftigen, wollen wir uns kurz auf theoretisch-abstrakter Ebene einige Regelmäßigkeiten in Erinnerung rufen:

  1. Keine Regelmäßigkeit: Der mit Abstand häufigste Fall wird durch die lila Linie symbolisiert – nämlich das Fehlen jeder Regelmäßigkeit. Ein Beispiel sind die oben erwähnten Lottozahlen. Würde man hierbei versuchen diese Linie in die Zukunft fortzuführen hätten man aufgrund der fehlenden Regelmäßigkeit sicherlich große Probleme.Regelmäßigkeiten I
  2. Konstante Werte: Eine erste Form an Regelmäßigkeit sind identische (oder sehr ähnliche) Werte über einen längeren Zeitraum. Die rote Linie symbolisiert dabei den Idealtypus einer längeren Reihe an identischen Werten. In der Realität wird dieser Idealtypus nur sehr selten vorkommen. Viel wahrscheinlicher sind Variationen mit leichten Abweichungen, wobei immer die Regel gilt, dass die Abweichung um die rote Ideallinie natürlich möglichst gering sein soll. Je nach Kennzahl kann es dabei sowohl vorteilhaft sein konstant hohe Werte oder konstant niedrige Werte zu haben. Diese Linie mit konstanten bzw. identischen Werten lässt sich sehr leicht in die Zukunft fortsetzen indem die horizontale Linie einfach verlängert wird.
  3. Zyklische Schwankung: Eine erste Abweichung von der roten konstanten Linie identischer Werte stellt die zyklische Schwankung dar (grüne Linie). Hierbei schwanken die Werte in einer festen Regelmäßigkeit um eine imaginäre Durchschnittslinie. Hierbei ist besonders wichtig, dass die Schwankungen einerseits im zeitlichen Ablauf relativ konstant sind, also der Zyklus immer in etwa gleich lange dauert und dass die Abweichungen von der imaginären Durchschnittslinie in beiden Richtungen nicht zu groß sind. Sofern die jeweiligen Abweichungen und die Länge des Zyklus bekannt sind, lässt sich auch diese Linie relativ leicht in die Zukunft verlängern.
  4. Konstante Steigung: Sowohl die konstanten Werte als auch die zyklische Schwankung haben beide als Merkmal, dass mathematisch gesehen keine Steigung vorliegt. Bei der konstanten (oder linearen) Steigung (blaue Linie) ist dies – wie der Name vermuten lässt – anders. Lineare Steigung bedeutet, dass der Wert von Jahr zu Jahr um den gleichen Betrag Je konstanter der jährliche Anstieg ist, desto leichter lässt sich auch diese Linie in die Zukunft verlängern – man muss nur den Steigungswinkel der Linie beibehalten und auf diese Weise die Linie in die Zukunft verlängern.Regelmäßigkeiten II
  5. Exponentielle Steigung: Zusätzlich zur konstanten Steigung gibt es noch die exponentielle Steigung (schwarze Linie). Während bei der konstanten Steigung der Wert von Jahr zu Jahr um einen festen Betrag zunimmt, steigt der Wert bei der exponentiellen Steigung in jedem Jahr um einen festen Prozentwert, was dazu führt, dass die Wertsteigerung als absoluter Betrag von Jahr zu Jahr zunimmt. Die Linie in die Zukunft zu verlängern ist hierbei alleine mit bloßem Auge nicht möglich, aber mit leichten mathematischen Berechnungen lässt sich auch diese Regelmäßigkeit problemlos in die Zukunft fortschreiben.
  6. Zyklische Schwankung mit eingebauter Steigung: Bei dieser Form der Regelmäßigkeit (orange Linie) handelt es sich um eine Kombination aus „Zyklische Schwankung“ und „Konstante Steigung“. Hierbei schwanken die Werte dann um eine imaginäre lineare Steigerungslinie – abgesehen davon gelten die gleichen Kriterien wie für die zyklische Schwankung.

Selbstverständlich gibt es noch eine Vielzahl an möglichen weiteren Mustern die sich wiederholen können – diese Muster werden dann immer komplizierter und es wird auch zunehmend unwahrscheinlicher, dass diese ohne komplizierte Rechenoperationen erkannt werden können. Einerseits sollten die Muster noch erkennbar sein, ohne dass ein Mathematik-Studium dafür notwendig ist. Andererseits sind bei komplizierten Mustern auch deutlich mehr Daten erforderlich, um zu verifizieren ob es sich tatsächlich um eine Regelmäßigkeit oder doch nur um Zufall handelt. Deswegen soll hier auf diese Muster auch nicht genauer eingegangen werden.

 

Regelmäßigkeiten benötigen eine Begründung

Wir möchten uns bei der Analyse von Unternehmenszahlen auch nicht nur auf die Suche nach Regelmäßigkeiten und Zusammenhänge begeben, sondern es sollte dafür auch noch eine sinnvolle und nachvollziehbare Begründung vorhanden sein. Da wir keine mathematischen oder physikalischen Gesetze (wie beispielsweise die Gravitation auf der Erde) analysieren, sondern teilweise irrationale und hochkomplexe Finanzmärkte ist es für die zukünftige Sicherheit auch sehr wichtig, dass eine Begründung für die Regelmäßigkeit geliefert werden kann. Eine Begründung hilft bei der Einschätzung, ob diese Regelmäßigkeit auch in der Zukunft Bestand haben kann oder ob diese Regelmäßigkeit doch nur zufällig aufgetreten ist.

Eine Begründung, warum sich bei Automobilunternehmen oft die Regelmäßigkeit der zyklischen Schwankung (mit Steigerung) erkennen lässt, könnten beispielsweise sein, dass es sich bei Autos um sogenannte zyklische Konsumgüter (Verlinkung) handelt und die Nachfrage nach diesen Produkten gewissen Schwankungen unterliegt und somit auch Umsatz und Gewinn schwanken.

 

Lange Datenreihen und viele Kennzahlen

Zusätzlich gibt es noch zwei weitere allgemeine Regeln, welche bei der Beurteilung der langfristigen Stabilität eines Unternehmens herangezogen werden können:

  1. Je mehr Daten zu einer einzelnen Kennzahl vorhanden sind, desto umfassender wird das Bild und desto aussagekräftiger können die Prognosen sein, die daraus abgeleitet werden können. Liegen die Daten der letzten 30 Jahre vor ist eine erkannte Regelmäßigkeit viel aussagekräftiger als bei den Daten der letzten 5 Jahre. Grundsätzlich sollten mindestens die Daten der letzten 10 Jahre betrachtet werden.
  2. Je größer die Anzahl der unterschiedlichen Kennzahlen ist, die überprüft werden, desto aussagekräftiger werden die Prognosen. Deuten mehrere Kennzahlen gleichzeitig auf die Stabilität eines Unternehmens hin, hat dies logischerweise eine größere Aussagekraft als wenn nur eine einzelne Kennzahl auf Stabilität hindeutet oder sich unterschiedliche Kennzahlen hinsichtlich der Stabilität eines Unternehmens widersprechen.

 

Kurzer Überblick der Kennzahlen

Stabilität einer Aktie kann je nach Kennzahl etwas unterschiedliches bedeuten – bei manchen Kennzahlen ist es wichtig, dass eine konstante oder exponentielle Steigung der Kennzahl vorliegt, bei anderen Kennzahlen ist es wichtig, dass über einen langen Zeitraum konstant niedrige oder konstante hohe Werte vorliegen:

  • Bei den Kennzahlen Umsatz, Gewinn (pro Aktie), Dividende und Buchwert zeugt es von Stabilität des Unternehmens, wenn diese Kennzahlen sich im Sinne einer linearen oder sogar exponentiellen Steigung konstant positiv entwickeln und beispielsweise jedes Jahr circa 3-4% ansteigen. Keinesfalls dürfen diese Kennzahlen im Vergleich zum Vorjahr absinken.
  • Bei den Kennzahlen zur Verschuldung – Debt/Equity-Ratio und Current Ratio – ist es entscheidend, dass diese Kennzahlen auf konstantem Niveau bleiben. Hier ist keine Entwicklung vorgesehen, sondern es wird erwartet, dass die Debt/Equity-Ratio auf konstant niedrigem Niveau bleibt und die Current Ratio auf konstant hohem Niveau.
  • Bei den Kennzahlen zur Profitabilität – Return on Equity, Return on Assets und Return on Invested Capital – wäre es natürlich auch erstrebenswert, wenn sich diese Kennzahl von Jahr zu Jahr steigert. Dies würde bedeuten, dass das Unternehmen nicht nur jedes Jahr wächst, sondern sich das Wachstum sogar beschleunigt. Auch wenn es sich bei einer Steigerung um den Optimalfall handelt, muss man sich eingestehen, dass dies sehr unrealistisch ist. Wenn ein Unternehmen somit konstant hohe Profitabilitätswerte vorweist, zeugt dies absolut von Stabilität. Wenn sich ein Unternehmen im Übergang von der Wachstumsphase zur Stabilitätsphase befindet ist es auch vollkommen vertretbar, wenn die Wachstumswerte für einige Zeit absinken (sich aber weiterhin auf hohem Level befinden).

In den folgenden Artikel behandeln wir die einzelnen Kennzahlen jeweils genauer und ausführlicher!

 

Weitere empfehlenswerte Artikel