Dividend-Investing

 

In diesem Abschnitt soll in kurzen Zügen die Strategie des Investierens in Dividenden-starke Aktien beschrieben werden. Streng genommen handelt es sich dabei nur eine Spezialform des Value Investing, bei der der Hauptfokus auf das Kriterium Dividende gelegt wird, aber selbstverständlich auch alle anderen Kriterien des Value-Investing im Blick behalten werden. Im folgenden Artikel werden wir neben dem Ziel dieser Strategie sowohl auf die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede zum „normalen“ Value-Investing eingehen. Zum Abschluss thematisieren wir noch, warum es gefährlich sein kann ausschließlich auf die Dividenden-Rendite zu achten und wie dennoch Aktien mit einer hohen Dividendenrendite gefunden werden können.

 

Kriterien des Value-Investing behalten Gültigkeit

Wie eingangs bereits erwähnt, gelten für diese Strategie natürlich auch alle anderen Regeln des Value-Investing weiterhin – es werden nur einige Schwerpunkte etwas anders gelegt. Werfen wir zuerst einmal einen Blick auf die Gemeinsamkeiten – also diejenigen Kriterien, die auch beim Investieren in Dividenden-starke Unternehmen uneingeschränkt ihre Gültigkeit behalten:

  • Wir suchen Unternehmen, die über einen breiten und bestenfalls auch tiefen Burggraben verfügen
  • Wir suchen Unternehmen, die eine große Stabilität aufweisen
  • Wir suchen Unternehmen, die Produkte produzieren, welche einerseits leicht zu verstehen sind und welche voraussichtlich auch in 30 oder 40 Jahren noch benötigt werden (gute langfristige Zukunftsaussichten)
  • Wir suchen Unternehmen mit einer möglichst geringen Verschuldung; die Kennzahlen D/E und Current Ratio sollten also passend sein
  • Und absolut entscheidend: Wir kaufen nach wie vor nur Aktien, die unter dem fundamentalen, intrinsischen Wert gehandelt werden (basierend auf der durchaus subjektiv geprägten Berechnung)

 

Kriterien der Dividenden-Investing Strategie

Nachdem wir uns die Kriterien noch einmal in Erinnerung gerufen haben, deren Vernachlässigung ein sträflicher Fehler wäre, wenden wir uns in diesem Abschnitt denjenigen Merkmalen zu, auf welche beim Investieren in Dividenden-starke Aktien besonders geachtet werden muss:

  1. Gewinne müssen mehrheitlich über die Dividende ausgezahlt werden: Die Aktien werden speziell danach ausgewählt, dass ein Großteil der Gewinne nicht reinvestiert wird, sondern über die Dividende an die Aktionäre ausgezahlt wird. Kennzahlen wie RoE oder RoA (also die Kennzahlen, welche die Profitabilität messen) können durchaus ähnlich sein: wichtig ist die Frage, was anschließend mit den erzielten Gewinnen passiert. Beim Dividenden-Investment liegt der Schwerpunkt dann darauf, dass die Gewinne über Dividenden ausgezahlt werden. Gemessen wird diese Auszahlung über die sogenannte Payout-Ratio – diese sollte natürlich möglichst hoch sein, da dies bedeutet, dass ein Großteil der Gewinne als Dividende ausgezahlt wird. Dennoch sollte die Payout-Ratio auch nicht zu hoch sein, da dies bedeuten würde, dass ein Unternehmen langfristig kein Geld mehr für Investitionen zur Verfügung hat, was möglicherweise den langfristigen Erfolg des Unternehmens gefährdet. (Unsicher was die Payout-Ratio genau beschreibt? Werfen Sie einen Blick auf den Einführungsartikel zu Dividenden)
  2. Stabilität der Dividende: Natürlich sollte das Unternehmen eine größtmögliche Stabilität aufweisen (siehe oben). Zusätzlich zum Unternehmen, sollte aber auch die Dividendenauszahlung eine hohe Stabilität aufweisen – wir wollen uns ja sicher sein, dass die Dividende auch in Zukunft gezahlt wird. Hierbei kann einerseits darauf geachtet werden, ob über einen langen Zeitraum tatsächlich in jedem Jahr eine Dividende gezahlt wurde oder ob es für die Aktionäre auch einmal eine Nullrunde gab. Eine gute Informationsquelle dafür ist morningstar.com: auf dieser Seite finden sich im Normalfall die Angaben zu den letzten 10 Jahren. Natürlich haben aber die meisten Unternehmen im Abschnitt Investor Relations auf der eigenen Homepage eine Übersicht über die Dividendenzahlungen der letzten Jahre oder sogar Jahrzehnte.
  3. Regelmäßige Steigerung der Dividende: Neben der größtmöglichen Stabilität bei der Auszahl der Dividende wäre es natürlich optimal, wenn die Dividende nicht nur stabil ist, sondern sogar von Jahr zu Jahr gesteigert wird. Ein guter Ansatz für die Auswahl von Aktien, bei denen die Dividende regelmäßig gesteigert wird, sind die sogenannten Dividenden-Aristokraten – also diejenigen Unternehmen, welche ihre Dividende jährlich erhöht haben und das für mindestens 25 Jahre. Hat ein Unternehmen die Dividende für mindestens 25 Jahre jährlich erhöht, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass dies auch in kommenden Jahren der Fall sein wird. In diesem Kontext kann auch noch darauf geachtet werden, wie stark die Dividende im Schnitt in den einzelnen Jahren erhöht wurde. So kann die Dividende ausgehend von einem Cent jährlich jeweils um einen weiteren Cent erhöht werden und so schafft es dann zum Beispiel ein Unternehmen, welches möglicherweise einen Gewinn von mehreren Euro pro Aktie pro Jahr erwirtschaftet mit einer Dividende von 0,25€ in den Kreis der Dividenden-Aristokraten.

 

Dividenden-Rendite ist nicht alles!

Nachdem nun der Fokus so deutlich auf die unterschiedlichen Aspekte der Dividende gelegt wurde, sei an dieser Stelle eine deutliche Warnung ausgesprochen: Bei der Suche nach Dividenden-starken Aktien darf nicht der Fehler gemacht werden, dass die Dividende (bzw. die Dividenden-Rendite) die wichtigste oder gar die einzige Kennzahl ist, welche betrachtet wird. Über Filteroptionen, welche die meisten Datenbanken anbieten lassen sich ganz leicht diejenigen Aktien filtern, die gemessen am aktuellen Börsenkurs die höchste Dividendenrendite zahlen. Hier gilt es aber sich von dem schönen Schein nicht trügen zu lassen, wenn plötzlich Aktien auftauchen, die vielleicht sogar eine zweistellige Dividendenrendite aufweisen. Spätestens ab 6-7% ist eine gewisse Vorsicht geboten, da in diesen Fällen die hohen Renditen oft trügerisch sind.

Einerseits wird die Dividendenrendite fast immer mit den Daten des Vorjahres berechnet, da die Höhe der nächsten gezahlten Dividende noch nicht bekannt gegeben ist und somit mit der nächsten zu erwartenden Dividende noch keine Rendite berechnet werden kann. Andererseits muss noch einmal berücksichtigt werden, dass eine höhere Dividendenrendite auf zweierlei Arten zustande kommen kann – entweder die Dividende wird gesteigert oder der Kurs der Aktie fällt. Wenn eine Dividende ausgesprochen hoch ist, liegt dies nur selten daran, dass die Dividende stark erhöht wurde, sondern meistens an dem vergleichsweise niedrigen Börsenkurs. Niedrigere Börsenkurse haben immer eine Ursache – die entscheidende Frage ist: handelt es sich dabei um langfristige Probleme oder nicht?

Kann mit einem Unternehmen eine außergewöhnlich hohe Dividenden-Rendite erzielt werden (die Dividendenrenditen in den vergangenen Jahren sind ein guter Anhaltspunkt) lohnt es sich sehr genau nach „Fehlern“ zu suchen. Sicherlich mag es Einzelfälle geben, bei denen gemessen am aktuellen Börsenkurs eine sehr hohe Dividendenrendite erzielt werden kann – viel wahrscheinlicher ist aber, dass an irgendeiner Stelle in absehbarer Zeit Probleme auftauchen werden:

  • Möglicherweise zahlt das Unternehmen die Gewinne vollständig aus (sehr gefährlich im Hinblick auf zukünftige Investitionen)
  • Noch schlimmer: Das Unternehmen zahlt mehr an Dividende aus als Gewinne im laufenden Geschäftsjahr erwirtschaftet wurden. Dies bedeutet, dass gegebenenfalls vorhandene Geld-Reserven verwendet werden oder neue Schulden aufgenommen werden müssen – beides ist aus langfristiger Sicht katastrophal
  • Das wahrscheinlichste Szenario ist aber, dass die nächste Dividendenkürzung unmittelbar bevorsteht, da die Gewinne nicht hoch genug sind um die Dividende weiterhin rechtfertigen zu können.

So zahlte RWE beispielsweise für das Geschäftsjahr 2014 noch eine Dividende von 1,00€. Im billigsten Fall war die Aktie von RWE für 9,16€ im September 2015 zu haben, was rechnerisch eine Dividendenrendite von 10,92% bedeutet hätte. Die Realität sah dann aber so aus, dass letztendlich eine Dividendenrendite von 0% für das Geschäftsjahr 2015 erzielt wurde, da die Dividende vollständig gestrichen wurde. In diesem Fall lag die hohe Dividendenrendite nicht an ungewöhnlich hohen Gewinnen, die eine solche Rendite rechtfertigen würden, sondern an der Tatsache, dass der Aktienkurs von RWE seit Anfang 2015 von circa 30€ auf teilweise unter 10€ abstürzte. Diese Absturz auf 1/3 des ursprünglichen Kurses der Aktie sorgt im Umkehrschluss für eine Verdreifachung der Dividendenrendite (gemessen an der Dividende des Vorjahres)

 

Geduldiges Warten zahlt sich aus

Auch wenn in den meisten Fällen ungewöhnlich hohe Dividendenrenditen ein deutliches Warnsignal sind, kann es Einzelfälle geben in denen sehr hohe Renditen guten Gewissens erzielt werden können. In Phasen extremer Übertreibungen an den Börsen, wenn Mister Market in große Depressionen verfällt, kann es sicherlich passieren, dass für einen sehr kurzen Zeitraum (wir sprechen hier zumeist von wenigen Wochen) auch mit gesunden Unternehmen zweistellige Dividendenrenditen erzielt werden können. In solchen Fällen sind die Börsenkurse dann im Zuge von Panik-Verkäufen auch bei absolut gesunden Unternehmen so weit gefallen, dass diese hohen Dividendenrenditen erzielt werden können – hier gilt es aber schnell und entschlossen zu handeln, da sich die Börsenkursen in solchen Fällen im Normalfall innerhalb weniger Wochen/Monate wieder einigermaßen stabilisieren werden, was auch die Dividendenrendite wieder deutlich senkt.

Eine Dividende von 4,99% konnte mit einem Kauf der 3M Company im Jahr 2009 erzielt werden. Im Zuge der Finanzkrise wurden Tiefststände von 40,90$ erreicht bei einer gezahlten Dividende von 2,04$. Wer im Zuge der Finanzkrise einen kühlen Kopf behielt und der Cincinnati Financial Corporation weiterhin vertraute konnte die Aktie im billigsten Fall für 17,10$ kaufen und damit eine Dvidende von 1,57$ im Jahr 2009 einstreichen – ergibt eine Dividendenrendite von 9,18% in dem Jahr. Wer weiterhin an eine Zukunft des Versicherungsunternehmen Aflac glaubte, konnte die Aktie ebenfalls im Jahr 2009 für 10,90$ kaufen und eine Dividende von 1,12$ bekommen – entspricht einer Dividendenrendite von 10,28%.

Grundsätzlich sollten Aktien beim Value Investing immer dann gekauft werden, wenn das Unternehmen an den Börsen abgestraft wird und der Aktienkurs dementsprechend stark fällt. Hier ist es dann besonders wichtig, dass sehr genau analysiert wird, wie es zu diesem niedrigen Kurs (und der damit verbundenen hohen Dividendenrendite) kommt. Es gilt Fragen zu beantworten wie: Wird das Unternehmen nur kurzfristig an der Börse abgestraft oder steuert es tatsächlich langfristig auf Probleme zu? Wie wird sich die aktuelle Situation, dieses Ereignis langfristig auf das Unternehmen auswirken? Kommt man zu dem Ergebnis, dass das Unternehmen eigentlich gesund und stabil ist und der Verfall an der Börse lediglich eine Überreaktion ist, ist es an der Zeit zu kaufen. Grundsätzlich ist es häufig so, dass eine hohe Dividendenrendite ein Warnsignal ist, aber es gibt eben auch Ausnahmen, die jede Regel bestätigen.

 

Kurz zusammengefasst